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Kranker Zahn - Kranker Mensch [28 KB]


Mein Kind hat Angst vor dem Zahnarzt

Inzwischen gehört es zum Allgemeinwissen, dass jedes Kind kariesfrei zur Welt kommt. Die Übertragung erfolgt durch das Ablecken des Schnullers, des Löffels beim Füttern, den Kuss der Geschwister… Deshalb sind bereits ab den ersten Milchzähnen entsprechende Pflegemaßnahmen und Kontrollen erforderlich.
Gleiches gilt für die Angst vor dem Zahnarzt, die so alt ist wie der Beruf selbst. Erste Erfahrungen sammeln die Kinder aus dem Verhalten und Gespräch der Familie. „Oh weh, morgen muss ich zum Zahnarzt“, „die nächste Behandlung wird bestimmt schlimm“, diese Sätze beeinflussen das Kind bereits negativ. Noch schlimmer sind Drohungen mit dem Zahnarzt oder „Wenn du die Zähne nicht putzt wird gebohrt!“ All dieses sollte vor den Ohren von Kleinkindern unterbleiben. Die nächsten Erfahrungen machen sie bei Freunden im Kindergarten oder in der Schule. „Ich war beim Zahnarzt, das war so schlimm!“ Kinder können grausamer sein als man denkt und machen ihren in dieser Beziehung noch unerfahrenen Freunden richtiggehend Angst durch Übertreibungen. Deshalb sollte der 1. Besuch eines Kindes beim Zahnarzt immer ohne Behandlung stattfinden, ausgenommen sind akute Schmerzfälle. Wichtig ist die Vorbereitung durch die Eltern, z.B.: „Wir lassen uns heute mal unsere Zähne nachschauen“, wertungsfrei und ganz gelassen ausgesprochen. Hierzu soll man das Kind zum Zuschauen mitnehmen. Falls sich beim „Zahn-TÜV“ eine Behandlungsnotwendigkeit ergibt, einen neuen Termin ohne Kind vereinbaren. Der Nachwuchs sieht so beim Erstbesuch, dass nichts „Schlimmes“ passiert und gewöhnt sich an die Atmosphäre und den typischen Geruch einer Praxis. Beim 2. Besuch kann dann spielerisch auch mal beim Kind in den Mund geschaut werden, ohne Behandlung, oder Bruder/Schwester tun das. Wenn eine Behandlung erforderlich wird, sind folgende Kardinalfehler an der Tagesordnung: „Es tut überhaupt nicht weh!“ Durch das Wort „weh“ wird im Unterbewusstsein bereits Schmerz signalisiert. „Du brauchst keine Angst zu haben!“. Wenn das Kind bisher keine Angst hatte, jetzt ist sie garantiert da. „Ach mein Armer!“, die Mutter streichelt das Kind. Durch den Satz und das Streicheln wird ein Leidensdruck ausgelöst. Da die Mehrzahl der Mütter (auch Väter) selbst Angst haben, übertragen sie diese Angst auf das Kind. Das ist ein unbewusster Vorgang, den niemand beeinflussen kann. In diesem Fall ist es besser, wenn die Eltern nicht mit ins Sprechzimmer gehen, das Kind nur bis zur Tür bringen. Das Kind braucht Sicherheit, die gibt ihm der Zahnarzt und /oder die Helferin. Es muss trotzdem wissen, dass seine Mutter da ist und draußen wartet. Lassen Sie Ihre Handtasche oder den Autoschlüssel als „Pfand“ gut sichtbar im Sprechzimmer zurück. Es weiß genau, ohne Autoschlüssel kann die Mutter nicht wegfahren, ohne Handtasche oder Wohnungsschlüssel geht sie nicht weg. Man darf die Intelligenz und Wahrnehmung eines Kindes nicht unterschätzen. Wenn der anwesende Elternteil in der Lage ist, absolut gelöst und stressfrei, d.h. ohne Angst, seine eigenen Zahnarztbesuche zu bewältigen, kann er im Zimmer anwesend sein, aber ohne Einmischung und wortlos. Bis zu einem biologischen Alter von ca. 6 Jahren ist ein Kind geistig nicht in der Lage, mehrere Einflüsse gleichzeitig zu verarbeiten. Aus diesem Grund ist es empfehlenswert, es alleine behandeln zu lassen. Es kann sich dann ganz auf die „Ablenkungsmanöver“ des Behandlers konzentrieren. Da in diesem Alter die Erfassungsgrenze bei ca. 15-20 Minuten liegt, sollten Langzeittermine vermieden werden. Mehrere kurze Sitzungen mit nur je 1 (oder 2) Zähnen sind für Füllungen vorzuziehen. Nach der Behandlung ist in jedem Fall eine Belohnung durch den Zahnarzt fällig. Ob die Eltern je nach Problematik noch was drauflegen, kann verabredet werden. Hilfreich ist manchmal, wenn sich die Kinder ihre Belohnung schon vor der Behandlung aussuchen dürfen. Oberster Grundsatz muss sein: Keinen Zwang ausüben und nie belügen. Ein Kind vergisst nie! Wurde es einmal festgehalten und damit unter Zwang behandelt, wird es meistens sein Leben lang Angst haben, dieses Trauma mit sich tragen. Der Zahnarzt muss ehrlich sein: „Wenn wir den Zahn schlafen legen, pickst es ein wenig!“(Spritze) „Dein Zahnfleisch wehrt sich gegen den kaputten Milchzahn und zwickt deswegen“ (Extraktion). Es ist genau das eingetreten, was vorher angekündigt war. Dann glaubt und vertraut ihm das Kind auch in Zukunft. Es liegt am Geschick und der Erfahrung des Behandlers, ob durch entsprechende Ablenkung das Empfinden mehr oder weniger schwach ausfällt.

Die Anzeichen der Angst äußern sich (auch bei älteren) sehr individuell: Vermehrter Schweiß, Weinen, ungewohnt ruhig und bedrückt, ansonsten ruhige Kinder werden hyperaktiv, erzählen alles Mögliche von irgendwelchen Begebenheiten, müssen laufend zum WC, wollen laufend zwischendurch ausspülen, beginnen zu Husten oder Würgen….

Als letzter Ausweg bleibt eine Sanierung in Vollnarkose. Bei rein behandlungsunwilligen Kindern ist diese ITN nicht indiziert. Lediglich bei extremen „Großbaustellen“, Behinderungen oder akuten Notfällen ist diese Möglichkeit zu erwägen. Jeder kennt die negativen Auswirkungen auf das Organwachstum, mögliche Hirnschädigungen bis hin zum „nicht mehr Wach werden“, halt das Restrisiko. Aus diesem Grund überlegt jeder Zahnarzt ganz genau, wann er hierzu eine Überweisung ausstellt. Alternativ können beruhigende Medikamente, Psychotherapie, Akupunktur oder Hypnose eingesetzt werden.


 

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